Schwangerschaft in Frankreich


Erste Schwangerschaft – und dann auch noch im Ausland!


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Seitdem ich schwanger bin, frage ich mich viel häufiger nach meinen positiven und negativen Eigenschaften, versuche meine Kindheit noch einmal zu analysieren und schreibe mir innerlich Listen mit Dingen, die ich unbedingt meinem Kind weitergeben möchte oder eben auch nicht.
Gar nicht so einfach, vor allem wenn dein Partner aus einem anderen Land und anderer Kultur stammt. Das hört sich jetzt total weit weg an, ist es aber gar nicht. Oder doch?
Die Rede ist von Frankreich.
Jetzt werden sicher einige denken, dass Frankreich doch gar nicht so anders sei als Deutschland. Nachbarländer, westliche Kultur etc. Aber glaubt mir, es ist ein Unterschied wie Tag und Nacht. Damals bin ich nach 2 Jahren Auslandsaufenthalt aus Frankreich wieder nach Deutschland gezogen, weil mich eine riesen Welle von Unverständnis überrannte, ich in das bekannte Tief des Kulturschocks fiel und kein bisschen Positives mehr an diesem Land und der Kultur sah und ich nach Antworten nur so schrie! Alles war auf einmal in Frankreich schlecht und ach so toll in Deutschland und ich wollte unbedingt zurück.
Während meines Studiums der mehrsprachigen Kommunikation für Französisch und Spanisch in Köln, habe ich dann viele Antworten diesbezüglich gefunden. Ich bin so froh mich dafür entschieden zu haben, Frankreich und meinem Freund drei Jahre den Rücken gekehrt zu haben, um dann gewappnet zurückzukommen. Mit Verständnis und Entschiedenheit und Gewissheit, mit einer Bedenkzeit von drei Jahren und allmählich zurückkehrendem Fernweh im Rücken. Das hilft mir heute ungemein, wenn das Tief mal wieder zuschlagen möchte.


„Es ist eben nicht so wie bei uns.“




Diesen hochnäsigen Satz verabscheue ich zutiefst. Dieser Satz kommt von Leuten, die nicht über den Tellerrand schauen. Zugegeben, ich habe diesen Satz oft benutzt, damals, als ich es noch nicht besser wusste. Diesen Satz höre ich ständig von Familie und Freunden aus Deutschland, die selbst noch nie für längere Zeit im Ausland waren, wenn ich ihnen von Frankreich erzähle. Ob es der französische Baustil, die Fahrweise, die Arbeitshaltung, die Infrastruktur oder die Krankrenversorgung ist. Nichts kann so gut sein wie in Deutschland. Von vornherein nicht. Abgelehnt. Kopfschütteln. Bemitleidender Blick. Ich merke wie mich das kränkt. Wer lebt schließlich gern an einem Ort, den deine Liebsten als „schlechter“ bezeichnen, weil sie nie gelernt haben, dass anders nicht gleich schlechter heißt. Aber ich kann euch beruhigen. Wenn ich den französischen Freunden hier von Deutschland erzähle, bekomme ich die gleichen hochnäsigen Sätze wie von meinen Landsleuten. Der bemitleidende Blick ist inklusive.
Vermutlich wird jede Schwangere, egal wo, eine andere Schwangerschaft durchlaufen. Dieser Bericht beruht also auf meiner bisherigen Erfahrung, ich möchte nichts pauschalisieren und vor allem niemanden kränken. Bei mir war das aber so:



Und jetzt? Schwanger!




Jetzt bin ich schwanger. Und zwar in Frankreich. Und ich bin sehr froh darüber. Wäre ich genauso in Deutschland, aber es ist wie es ist.
Ich fühle mich hier sehr gut aufgehoben und behandelt, natürlich habe ich keine persönlichen Erfahrungen, wie eine Schwangerschaft in Deutschland abläuft, aber von vier Freundinnen, die gleichzeitig mit mir schwanger in Deutschland sind, stehe ich in ständigem Kontakt und erfrage und vergleiche natürlich ständig, wie es denn so bei ihnen abläuft. Zudem tausche ich viele Informationen mit meiner Mutter aus, die in Deutschland bei einem Frauenarzt arbeitet, mir Infomaterial und die in Deutschland obligatorischen und nicht wegzudenkenden Tabletten wie Folsäure und Eisen zuschickt und die mir auf Nachfrage die Normwerte von deutschen Babys nennt und mich damit beruhigt, dass die Messwerte meines Kindes im deutschen Mittelfeld liegen und es nicht sehr groß und kräftig ist, wie es hier nach jeder Untersuchung heißt.
Als ich morgens auf der Toilette saß und plötzlich unerwartet zwei Striche auf dem Schwangerschaftstest sah, durchlief ich ein Gefühlschaos der Extraklasse.
Ein paar Tage später saßen mein Freund und ich beim Frauenarzt, es wurde ein vaginaler Ultraschall durchgeführt und wir waren völlig baff, dass ich bereits in der 7. Woche schwanger war. Das Herzchen klopfte wie verrückt, meins und das meines Freundes ebenso. Es war ganz deutlich zu hören, wie Pferdegalopp. „Ah, ça bat vite, hein?!“, sagte der Gynäkologe und mir wurde wieder heiß und kalt zugleich. In einem anschließendem Gespräch befragte er mich dann nach meinem Zyklus, rechnete am PC den Geburtstermin auf den 27.5.2017 aus, die Empfängnis solle demnach also am 27.8.2016 gewesen sein. Ich fand es aber verwunderlich, wie er auf diese Daten kam, zumal doch mein erster Tag der letzten Regel bereits am 5.8. war. Egal, er weiß schon was er da macht. Die Sprechstundenhilfe druckte mir einen Zettel aus, auf dem bereits alle Termine bis zur Entbindung standen, Ultraschalltermine, Diabetestests, Nackenfaltenmessung, Hebammenbesuche, Behördengänge. Es war alles durchgeplant, zum Glück, denn ich wäre völlig überfordert gewesen, diese Termine von mir selbst aus vereinbaren zu müssen. Ich wusste ja nicht was bei so einer Schwangerschaft alles zu beachten und testen ist. Zudem gab es ein Formular, welches ich der Familienkasse für Unterhalt und dem Arbeitgeber ausgefüllt zukommen lassen sollte. Nur damit habe ich Anspruch auf Kindergeld, Elternzeit, die Geburtsprämie und am wichtigsten, dass die Schwangerschaft komplett von der Sozialversicherung übernommen wird. Man teilt also dem französischen Staat die Schwangerschaft offiziell mit. Wer das versäumt, hat schlechte Karten.
Einmal pro Monat muss ich also nüchtern ins Labor, dort wird mein Urin und Blut untersucht. Auf Antikörper, da ich A negativ bin und mein Freund A positiv ist, auf Toxoplasmose und zig andere Dinge. Meine Mutter ist schon ganz verwundert wie oft mein Blut untersucht wird und wie oft ich Termine beim FA und Hebamme habe. Das stimmt, jeden Monat hab ich mindestens drei Termine für die Vorsorge, ob beim Arzt, im Labor oder bei der Hebamme.
Meine Hebamme durfte ich mir selbst aussuchen, das habe ich ganz einfach die geografische Lage entscheiden lassen und bin sehr zufrieden. Unser erstes Gespräch ging 1,5 Stunden, da sie mich alles erfragte und wissen wollte. Wie ich mich fühle, ob ich hier sozialen Anschluss habe, über meinen familiären Hintergrund, den meines Freundes, ob ich Heimweh hätte, sexuell missbraucht wurde und so weiter. Das gefiel mir gut, ich habe mich gut aufgehoben gefühlt. Sie sagte es sei wichtig das alles zu erfahren, das spiele nachher eine große Rolle für die Hebamme, die die Geburt durchführen wird.
Ich habe mich direkt in ihrem Kurs für Yogastunden angemeldet und gehe seitdem regelmäßig, neben den Routinekontrollen, zum Yoga. Bald kommen Aufklärungsstunden für mich und meinen Freund bei ihr hinzu, da wird sie uns in 4 Sitzungen die Abläufe und wichtigsten Schritte der Geburt und alles was davor und danach zu beachten ist, erklären.
Zu Weihnachten in Deutschland habe ich die Chance genutzt, bei meinem ehemaligen Frauenarzt einen Termin zu vereinbaren, aus Neugierde, um zu schauen was er so meint. Nach der Untersuchung nannte er mir den 11.5.2017 als Geburtstermin und ich war völlig durcheinander. Mehr als 2 Wochen Unterschied! Er verstand auch nicht wieso in Frankreich ein ganz anderes Datum genannt wurde, es sei aber ganz sicher um den 11.5.2017.
Total verunsichert und verwirrt suchte ich tagelang nach Antworten im Netz und durchforstete Foren, logisch, da ja weder der Arzt in Deutschland noch der Arzt in Frankreich eine Erklärung hatten.  Dabei ist die Antwort so einfach und plausibel. Auf Arte habe ich eine schöne Erklärung dazu gefunden. In den beiden Ländern hält man sich an unterschiedliche Statistiken, wie lange eine Schwangerschaft dauert. Wen es interessiert, hier der
Link zum Video.




Keine Fragen bitte!




Die Ultraschalluntersuchungen laufen hier so ab, dass der Arzt alle möglichen Messwerte des Babys notiert, Fotos macht, mal 3D, mal schwarz-weiß. Er redet nicht viel, auf Fragen antwortet er mir, ich habe aber das Gefühl dass mich das nicht zu interessieren hat. Bei der letzten Untersuchung in der 24. SSW sagte er mir, mein Kind sei sehr kräftig. Das löste bei mir Panik aus. Ich möchte ein normales Kind, nicht zu klein, nicht zu groß und vor allem nicht zu kräftig. Das Horrorszenario der Geburt lief in meinem Kopf ab und ich fragte mehrmals nach was denn kräftig bedeutet. Ob er denn wirklich das Wort kräftig meint. Er bemerkte meine Panik und beruhigte mich mit den Worten „Madame, tout va bien.“ Alles ist gut. Er sagte noch dass ich und mein Freund groß seien und dass es besser sei, ein kräftigeres als ein zu leichtes Baby zu bekommen. Er druckte uns unglaublich viele Bilder aus, immer alles auf A4, da es den berühmten Mutterpass nicht gibt, darunter die 3D Bilder, die ich eigentlich gar nicht so gut finde, alle Messwerte mit Graphen und Prozentangaben wie weit sie über der Norm liegen. Nach deutschen Tabellen liegen aber alle Messwerte im Mittelfeld. Ich stelle mich trotzdem auf ein großes Kind mit großem Kopfdurchmesser ein. Besser so als bei der Geburt überrascht zu werden. PDA hin oder her.



Mutter oder Frau? Oder beides?

   


Bald gehe ich in den Mutterschutz. Mutterschutz beginnt hier 6 Wochen vor und endet 10 Wochen nach der Geburt. Dann gehen die berufstätigen Mütter wieder in ihren Job zurück. Viele meiner Freundinnen hier empfinden das als Segen, mal wieder raus und unter Leute zu kommen, eine andere Aufgabe zu haben als Windeln zu wechseln oder die Brust bzw. das Fläschchen zu geben, sich intellektuell auszutauschen, sich schick zu machen, eigenes Geld zu verdienen. Nicht nur Mutter, sondern auch Freundin und vor allem Frau sein zu dürfen.
Elternzeit wird nicht gut bezahlt. Vielleicht treibt das die Mütter auch wieder in das Berufsleben zurück. So wie mich. Ich habe keine andere Wahl als nach 10 Wochen wieder zu arbeiten. Ich habe mich allerdings für halbtags entschieden, sprich 20 Stunden pro Woche, der Rest wird mir vom Arbeitsamt komplettiert, da Elterngeld einfach zu gering wäre. Väter haben 11 Tage Elternzeit. Na toll.
Da ich stillen möchte, plagt mich dieses Thema ungemein. Es wird ein riesen Organisationsakt werden, für die zwei Tage in der Woche, an denen ich arbeite, Milch im Vorfeld abzupumpen, genug abzupumpen, auf der Arbeit abzupumpen. Die Brüste legen ja keinen Stopp ein, nur weil du grad keine Zeit hast. Zudem fühle ich mich noch nicht wohl mit dem Gedanken, mein Kind nach so kurzer Zeit in eine Kita zu geben. Dieses Thema ist mir noch ganz klar ein Dorn im Auge. Vielleicht spielt sich aber auch alles ein, vielleicht gefällt mir nachher der Spagat zwischen Job und Mutter.  Ausgelastet zu sein. Sein früheres Leben fortzuführen. Ich sehe ja wie glücklich die Frauen hier damit sind. Es ist eine Frage der Einstellung, von vorherein. Wieso sollte es schlechter sein an sich zu denken? Ist man dann automatisch eine Rabenmutter? Das Wort gibt es übrigens im Französischen nicht.



Schlaf, Kindlein, schlaf!




Ein weiterer Unterschied zu Deutschland ist, dass „man“ das Baby nicht bei sich im Zimmer schlafen lässt. Mit „man“ meine ich die, die ich kenne und wie hier so die allgemeine Grundstimmung ist. Bestimmt gibt es auch französische Eltern, die ihr Baby mit in ihre Zimmer nehmen. Das Kind kommt von Anfang an ins Kinderzimmer. Wenn ich sage, dass ich eine Babybay möchte, werde ich fast ausgelacht, ich werde mich schon noch um entscheiden nach den ersten Tagen ohne Schlaf. Selbst die Verkäuferin bei Orchestra (riesen Babyladen) nannte mich motiviert, als sie hörte, dass ich neben dem Job auch noch stillen statt die Flasche geben möchte, wir uns für waschbare Windeln interessieren und dann noch das Kind an unserem Bett schlafen lassen möchten.



Erstens wird alles anders und zweitens als man denkt!




Sind mein Freund und ich, bzw. mehr ich, da er mit allem einverstanden ist, zu motiviert? Mache ich mir das Leben zu kompliziert nur weil ich diese „deutsche“ Vorstellung vor Augen habe? Sehe ich das alles zu verkrampft, um nicht deutsch zu sagen? Ich glaube es gibt viele Dinge, an die ich mich noch herantasten muss. Vor der Schwangerschaft habe ich mir auch vieles anders vorgestellt, als es nun in der Realität ist. Man wird ja nicht ins kalte Wasser geschubst, sondern wird peu à peu den Aufgaben herangeführt. Alles zu seiner Zeit. Und wenn ich merke so oder so geht es nicht, na dann mach ich es eben so, wie es für mich in Ordnung ist. Egal was in diesem oder jenem Land für normal angesehen wird, wie viele Ratgeber ich gelesen habe und Meinungen von anderen bekomme. Ich mache mir jetzt schon Sorgen um Themen, die in der Zukunft liegen und die bisher jeder mehr oder weniger gut gemeistert hat, wieso sollte es bei mir nicht klappen?



Fazit: Bleib mal locker!




Bisher hatte ich eine tolle Schwangerschaft. Mit Höhen und Tiefen und Gefühlsausbrüchen, die ich nur aus dem TV kenne und immer als gespielt abstempelte. Mir geht es wunderbar, klar habe ich auch meine Wehwehchen wie Rücken- und Symphysenschmerz, Übungswehen bei zu langen Spaziergängen, schlechtere Haut und Kurzatmigkeit. Aber das kleine Wesen in mir verlangen eben ihre Tribute und ich bin gern bereit diese zu zahlen. Ich weiß nicht, wie und wann die Schwangerschaft endet, bin aber sehr zuversichtlich. Unterschiede zu Deutschland gibt es genug und zu Genüge, aber müssen diese gleich als schlechter bezeichnet werden? Anders ist toll, es erweitert unseren Horizont, unsere Erfahrungen und nur daran wachsen wir. Wer weiß, vielleicht werde ich ja auch eines Tages eine Schwangerschaft und Geburt in Deutschland erleben. Das wäre mindestens genauso spannend und neu wie hier, anders, aber bestimmt nicht besser.
Liebst, Carla


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